Leserfrage: Schuldgefühle, Hilflosigkeit und unser beider Trauma

Der Ex-Freund meiner Freundin verübte im Februar dieses Jahr einen Mordversuch auf mich, während meine Freundin morgens kurz mit ihrem Hund draußen war. Der Täter hatte sich illegal einen Schlüssel zu ihrer Wohnung beschafft und besaß ein Gewehr.

Als meine Freundin vom Gassi gehen zurückkam, sah sie ihn noch im Treppenhaus. Er versuchte meine Freundin mit dem Gewehrkolben niederzuschlagen. Sie wich dem Schlag aus und im Hinauslaufen, rief er ihr noch zu, jetzt Selbstmord zu begehen, was er auch tat. Als sie bei mir war, rief sie: „Was hat er Dir angetan.“

Wenn ich Ihre Seite so lese, habe ich eine PTBS, glaube aber noch, sie selbst in den Griff zu bekommen, da mir weder Krankenhausseelsorger noch Traumaambulanz weitergeholfen haben, auch wenn die Vermeidungsstrategie in bestimmten Belangen bei mir vorherrschend ist. Meine Freundin leidet unter einer größeren Posttraumatischen Belastungsstörung, was mir sehr zu schaffen macht.

Weiterhin gibt sie sich eine Mitschuld, was natürlich rational nicht stimmt, ich hingegen spreche von einer Verantwortung von mir für mich und eine Mitverantwortung für sie, was die Zukunft anbelangt. Ich möchte verstehen, was in ihr vorgegangen sein kann, als sie diese Hilflosigkeit verspürte und möchte vermeiden, dass wir uns gegenseitig triggern, was natürlich als Gefahr vorhanden ist. Können Sie mir dazu Literatur empfehlen? Mir selbst reichen ihre Artikel über die PTBS, um an mir weiter zu arbeiten.

Lieber Leser,

jeder Mensch reagiert anders auf hilflose Momente. Der eine kann vielleicht ganz gut ertragen, dass er wenig oder nichts tun kann, wenn er angegriffen wird. Einen geliebten Menschen fast zu verlieren, ist eine ganz andere Herausforderung an unsere Bewältigungsfähigkeiten. Vor allem, wenn man sich verantwortlich fühlt, was Sie ja beide auf Ihre Art tun. Ihre Freundin fühlt sich für das Verhalten des Täters verantwortlich und Sie für das Befinden/ die Lebenszufriedenheit/ die Sicherheit ihrer Freundin in der Zukunft. Beides ist wie Sie schon richtig festgestellt haben so nicht richtig und nicht hilfreich, wenn die schwierigen Dinge im Leben passieren.

Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, warum wir uns verantwortlich und damit überhaupt erst schuldig fühlen: Wir können uns nur schuldig fühlen oder schuld sein, wenn wir uns auch verantwortlich fühlen oder verantwortlich sind. Verantwortlich können für nur für etwas sein, das wir auch kontrollieren können, auf das wir also nahe 100% Einfluss haben.

Was der Täter macht, darauf hat Ihre Freundin 0% Einfluss und damit auch keine Schuld. Das gleiche gilt für die Sicherheit/Lebenszufriedenheit oder das Befinden Ihrer Freundin. Wie es ihr geht, dass hängt zu 100% von Ihrer Freundin ab. Es hängt davon ab, wie Sie eine Situation erlebt und interpretiert. Das bestimmt, wie es ihr geht. Ihre Sicherheit hängt davon ab, ob irgendjemand entscheidet, ihr Böses zu wollen, oder aber von unglücklichen Umständen wie bei einem Unfall.

Wofür wir tatsächlich verantwortlich sind, ist unser Verhalten, unser Befinden und teilweise sicher auch unsere Gesundheit. Nur wir können uns heilen. Unser Körper kann das und unser Verstand/ unsere Seele können das. Niemand sonst.

Wir fühlen uns schuldig, weil es uns die Illusion ermöglicht, wir hätten mehr Einfluss auf das Leben als wir rein rational haben. Wir wollen unsere positive Kontrollüberzeugung (wie Psychologen das nennen) aufrechterhalten. Ohnmachtserfahrungen passen da nicht so recht dazu. Im Grunde müssten wir davon überzeugt sein, dass ich zu 99% Einfluss auf mein Leben habe und es gleichzeitig Dinge gibt, die passieren, ohne dass ich einen Einfluss darauf habe. Dann wäre es leichter mit solchen Erfahrungen umzugehen, wie Sie beide Sie erleben mussten.

Schuldgefühle sind gefährlich, weil Sie uns dazu verleiten, zu oft in die Vergangenheit zu schauen. Das macht uns unweigerlich immer wieder ohnmächtig, weil wir die Vergangenheit nicht ändern können. Ein zweiter Grund, warum ich Schuldgefühle für gefährlich halte ist, dass Sie uns etwas vormachen. Sie bestärken uns in der Phantasie, mehr Einfluss zu haben, als wir tatsächlich haben. Damit berauben sie uns der Möglichkeit, tatsächlich neue und hilfreichere Strategien zu lernen. Neue Strategien lernen wir nur, wenn wir akzeptieren, dass die bisherigen nicht ausgereicht haben. Ich weiß, ich kann das Risiko mit neuen Strategien weiter minimieren, auch wenn ich nicht für 100%ige Sicherheit sorgen kann. Schuldgefühle können uns von diesem gesunden Wachstumsprozess abhalten und dazu auch noch krankmachen. Deswegen ist es gesund, sich der Realität zu stellen, auch wenn es uns unangenehm ist oder zuerst Angst macht.

Wie Ihre Freundin sich gefühlt hat, müssen Sie Ihre Freundin fragen. Da diese Erfahrungen einzigartig sind und die Menschen auch, kann Ihnen außer Ihrer Freundin niemand sagen, wie es ihr ging.

Es wird auch nicht möglich sein, sich nicht gegenseitig zu erinnern und damit Fehlalarme (Erinnerungsattacken) auszulösen. Mal abgesehen davon, dass das auch nicht hilfreich ist. Im Gegenteil. Über die gemeinsame Erfahrung zu sprechen und darüber, wie sie sie überlebt und bewältigt haben, ist hilfreich. Sich zu sagen, wie es einem damit gegangen ist und die Gefühle nochmal zu spüren und auszudrücken, hilft dem Gehirn auszusortieren, welche Erinnerungsreize gute Warnreize sind und welche nicht (Zum Thema Warnreiz gibt es hier ausführliche Informationen: PTBS 2 – PTBS 5). In Ihrem Fall wird es so gut wie keine wirklich hilfreichen Warnreize geben, weil der Täter sich selbst gerichtet hat und damit keine Gefahr mehr darstellt.

Der einzige echte und hilfreiche Warnreiz, den ich mir aus Ihrer Schilderung vorstellen kann ist: „Mann mit Gewehr“ oder „Mann mit Waffe“. Wenn Ihr Gehirn wieder einen Mann mit Gewehr sieht, dann ist es gut, wenn es Alarm schlägt, damit Sie sich frühzeitig in Sicherheit bringen können. Alles andere, was eine Erinnerungsattacke (= Fehlalarm) auslöst, macht sehr wahrscheinlich keinen Sinn als Warnreiz (z.B. die Wohnung, das Treppenhaus oder etwas anderes) und wird deswegen über die Zeit hinweg mit neuen Erfahrungen und der bewussten Auseinandersetzung mit der Erfahrung verschwinden. Vermeidungsverhalten verzögert oder verhindert diesen Heilungsprozess, der im Grunde nur ein Sortier-Prozess ist: Das Gehirn sortiert gute und nutzlose Warnreize aus.

Insofern möchte ich Sie dazu ermutigen, über das Erlebte zu reden oder es aufzuschreiben, vielleicht nach den „Spielregeln“ von James Pennebaker (Schreiben hilft), der wissenschaftlich nachgewiesen hat, dass das Schreiben mit Gefühlen und Bedeutungen des Erlebten zu mehr Gesundheit und Lebenszufriedenheit führt.

Helfen Sie Ihrem Gehirn, die Erfahrung in Ihr Leben einzusortieren und zwischen guten und nutzlosen Warnreizen wieder unterscheiden zu lernen.

Ich wünsche Ihnen beiden viel Kraft für Ihren Weg.


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