Von den Sinn-Wörtern

Auf dieser Seite finden Sie die Texte, die sich mit den Sinn-Wörtern beschäftigen.

 

Was wäre wenn …..?

Der Möglichkeitssinn von Robert Musil: „Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, dass er seine Daseinsberechtigung hat, dann muss es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann. Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; und wenn man ihm von irgendetwas erklärt, dass es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“

Kein ganz einfacher Text. Zumindest musste ich ihn mehrmals lesen, bis ich verstand, worum es geht. Oder zumindest eine Idee hatte, was er mir sagte.

Dann fand ich die Botschaft berauschend schön.

  • Wie wäre es, ich müsste nicht mehr fest davon überzeugt sein, dass der andere mir nicht glaubt, wenn ich ihm etwas erzähle?
  • Wie wäre es, wenn ich nicht mehr fest davon überzeugt wäre, dass das Schweigen meines Partners Ausdruck dafür ist, dass er sich nicht für mich interessiert?
  • Wie wäre es, wenn ich nicht mehr fest davon überzeugt sein müsste, dass die Welt sich gegen mich verschworen hat?
  • Wie wäre es, wenn ich nicht mehr fest davon überzeugt sein müsste, dass mein Nachbar nur deswegen laut ist, weil er mich ärgern will?
  • Wie wäre es, wenn ich nicht mehr fest davon überzeugt sein müsste, dass mein Partner mich nicht liebt, wenn er erst spät von der Arbeit nach Hause kommt?
  • Wie wäre es, wenn ich nicht mehr fest davon überzeugt sein müsste, dass ein Täter es ernst meint, wenn er sagt: „Ich bring Dich um, wenn Du nicht so tust wie ich das will.“?

Wie wäre es, wenn mir sofort tausend andere Erklärungen einfallen würden?

Wie wäre es, wenn ich mir vorstellen könnte, dass der andere mir nicht glaubt,

  • weil er zu wenig Phantasie hat,
  • oder Angst davor hat, was ich ihm erzähle und dass es wahr sein könnte.
  • Wenn er es nicht glaubt, weil er andere Informationen hat, von denen ich nichts weiß.

Wie wäre es, wenn ich mir vorstellen könnte, dass mein Partner schweigt,

  • weil er mit dem, was ich tue oder sage überfordert ist
  • oder weil er so gestresst ist, dass er nicht mehr sprechen kann
  • oder er einfach müde ist und keine Lust hat zu reden
  • oder in Gedanken noch mit etwas beschäftigt ist und mich gar nicht gehört hat und deswegen nicht antwortet?

Wie wäre es, wenn ich mir vorstellen könnte, dass mir unangenehme oder belastende Dinge passieren,

  • weil ich einfach Pech hatte
  • oder die Menschen um mich herum feige sind
  • oder selbst schlechte Erfahrungen gemacht haben und mit sich selbst beschäftigt sind und sich deswegen nicht interessieren können
  • oder weil ich Mundgeruch habe
  • oder weil ich tue, was den anderen ein schlechtes Gefühl macht und sie mich deswegen nicht mögen und mich ignorieren? (neue Haltung/neuer Glaubenssatz: Jeder hat das Recht auf sein eigenes Problem –> siehe giftige Gedanken)

Wie wäre es, wenn ich mir vorstellen könnte, dass mein Nachbar laut ist,

  • weil er schwerhörig ist und selbst nicht hört, was er für einen Krach macht,
  • oder wenn er unzufrieden mit seinem Leben ist und das an seinen Möbeln rauslassen muss
  • oder ich einfach etwas geräuschempfindlich bin und die anderen Nachbarn den Krach gar nicht so laut empfinden
  • oder wenn mein Nachbar einfach ein Hobby hat, das er braucht, um seinen Stress abzubauen wie zum Beispiel Holzhacken?

Wie wäre es, wenn ich mir vorstellen könnte, dass mein Partner spät von der Arbeit heimkommt,

  • weil sein Chef ihm noch etwas aufgebrummt hat
  • oder es einen Notfall gegeben hat
  • oder einem Kollegen etwas Schlimmes passiert ist und mein Partner seinem Kollegen beistehen wollte.

Was wäre, wenn ich mir vorstellen könnte, dass ein Täter Angst hat vor mir

  • und dem Gefängnis und deswegen droht?
  • Wenn er nur droht in der Hoffnung, dass ich nichts sage, aber er genau weiß, dass er mich nie töten würde, egal wie sehr er versucht mich davon zu überzeugen, weil er weiß, dass ein Mord in den meisten Fällen aufgeklärt wird und er damit ins Gefängnis wandern würde?

Was wäre, wenn ich mir vorstellen könnte, dass ich die Welt nur auf die Weise sehe, die ich gelernt habe zu sehen, dass ich aber phantasiebegabt bin und mir viele andere Perspektiven und Sichtweisen vorstellen kann, die mir das Leben leichter machen?

Was wäre, wenn ich nicht glauben müsste, dass alles um mich herum mit mir zu tun hat, sondern im Gegenteil fast nichts bis gar nichts etwas mit mir zu tun hat sondern das Ergebnis dessen ist, was der andere gelernt hat zu sehen (ich nenne das kindlicher Größenwahnsinn)?

Es wäre unsere Möglichkeit auf Freiheit. Wahre Freiheit.

Der erste Schritt dazu? Entwickeln Sie Ihren Möglichkeitssinn!

Welche anderen Erklärungen können Sie sich vorstellen?
Was sind andere mögliche Gründe für das Verhalten einer Person?

Noch mehr Sinn: Eine Übersicht

Die Beschäftigung mit dem Möglichkeitssinn, hat mich dazu eingeladen, andere Sinn-Wörter zu suchen. Das führte zu spannenden Erkenntnissen, die ich in den folgenden Wochen mit Ihnen teilen möchte.

Hier erst einmal das Ergebnis im Überblick.

Ich fand Wörter, die für mich mit der Bedeutung von etwas zu tun haben: Der Doppelsinn, der Nebensinn, der Unsinn, der Wortsinn und auch der Sinn des Lebens. Im Grunde auch das Wort Uhrzeigersinn, das als Bedeutung eine Richtung angibt.

Dann gab es Worte, die mit unserer Wahrnehmung der Welt zu tun haben und eine entscheidende Rolle für unser tägliches Überleben spielen: Da sind der Bewegungssinn, der Gefühlssinn, der Gehörsinn, der Geruchssinn, der Geschmackssinn, der Gesichtssinn = Sehsinn, der Gleichgewichtssinn, der Richtungssinn und der Spürsinn = Tastsinn. All diese Begriffe haben mit Vorgängen zu tun, die uns helfen, Wahrnehmungen und Erfahrungen zu teilen. Es gibt viele Konventionen, wie diese Wahrnehmungen zu verstehen sind, welche Bedeutung sie haben. Scharf ist scharf, Rauch riecht nach Rauch, Fisch nach Fisch, Trauer ist Trauer, Wut ist Wut, laut ist laut und gestreckt ist gestreckt. Auch wenn es einen Spielraum gibt, so haben wir uns auf viele Bedeutungen geeinigt, was uns erlaubt, über unsere Wahrnehmungen zu reden und zu verständigen. Außerdem haben wir Körperzellen, sogenannte Rezeptoren, die uns bei der Verarbeitung dieser Informationen helfen. Diese Zellen wandeln Reize, zum Beispiel Lichtwellen oder Druck, im Körper in elektrische Impulse um, die für unser Gehirn „lesbar“ werden. Lesbar bedeutet, wir können den Reizen eine Bedeutung zuschreiben, wie eben scharf, sauer, hell, dunkel, westlich, östlich, kalt, warm, rauchig, schmerzend, leicht, wütend, traurig, fröhlich.

Die dritte Gruppe von Sinn-Worten hat damit zu tun, was uns in unserer Umgebung besonders macht, einzigartig und was wir benötigen, um gesund zu sein oder zu bleiben: Da sind der Familiensinn, der Feinsinn = der 6. Sinn (?), der Freiheitssinn, der Frohsinn, der Gemeinschaftssinn, der Gerechtigkeitssinn, der Realitätssinn = Wirklichkeitssinn, der Scharfsinn, der Schönheitssinn, der Tiefsinn und der Wahrheitssinn. Für diese „Sinne“ haben wir keine spezialisierten Zellen in unserem Körper und doch können wir darüber reden, obwohl das bei diesen Begriffen schon deutlich schwieriger wird. Für mich haben sie jedoch gemeinsam, dass es Begriffe sind, die mit unserer psychischen Gesundheit und unserer persönlichen Freiheit zu tun haben.

Die letzte Wortgruppe besteht für mich aus den Begriffen, die damit zu tun haben, dass es uns nicht gut geht. Dazu gehören für mich der Blödsinn, der Eigensinn, der Größenwahnsinn, der Irrsinn, der Leichtsinn, der Schwachsinn, der Starrsinn, der Stumpfsinn, der Trübsinn und der Wahnsinn. Für mich haben diese Begriffe gemeinsam, dass sie entweder einen Zustand von Krankheit beschreiben oder ein Verhalten, das kurz- oder langfristig krank macht, oder dazu führt, dass es uns nicht gut geht. Wenn wir gesund sein wollen, sollten wir all das meiden. Vermeidungsverhalten wäre hier angebracht, das Mittel der Wahl.

Soviel allgemein zu diesem sinn-vollen Thema. Weitere Texte werden sich wohl mit dem einen oder anderen Begriff vor allem aus Gruppe 3 beschäftigen. Anfangen werde ich mit dem Realitäts- gleich Wirklichkeitssinn. Und dann mal schauen, was noch kommt.

Über Anmerkungen, Ergänzungen und Kommentare werde ich mich sehr freuen.

 

Noch mehr Sinn: Realitäts- und Wirklichkeitssinn

Wir haben einen Sinn für die Realität, für das, was wir für wirklich halten. Wir haben die Möglichkeit, uns nicht in Phantasien oder das Unbewusste zu flüchten, sondern im Hier und Jetzt zu leben und bewusste Entscheidungen zu treffen.

Natürlich ist das, was wir für wirklich oder für real halten nur das Ergebnis eines Lernprozesses, dessen Ziel das Überleben des Individuums ist.

Erst neulich habe ich einen spannenden Vortrag über Wahrnehmungspsychologie gesehen, in dem mal wieder klar wurde, dass wir die Bilder, die wir sehen, konstruieren.

Wir haben gelernt, mit anderen über unsere Wahrnehmungen zu reden und uns geeinigt, dass bestimmte Wahrnehmungen mit bestimmten Wörtern benannt werden. Wir haben gelernt, einen bestimmten Wellenbereich des Lichts als Grün zu bezeichnen oder als Rot oder Gelb. Wir haben gelernt einen bestimmten Gesichtsausdruck als Trauer oder Wut zu interpretieren. All diese Wahrnehmungen sind wichtige Informationen im täglichen Überlebenskampf. Farben halfen, unsere Fressfeinde rechtzeitig zu erkennen. Emotionen helfen zwischenmenschliche Beziehungen zu regeln. Wenn ich sehe, dass jemand wütend ist, kann ich anders darauf reagieren als wenn jemand traurig ist.

Ein kleines Selbstexperiment

Für mich immer wieder beeindruckend ist ein Experiment aus meinem Psychologiestudium gewesen, bei dem man für kurze Zeit sehen kann, dass wir im Grunde ständig durch ein Netz aus Blutgefäßen hindurch sehen. Die Zellen, die Licht in elektrische Impulse umwandeln (Rezeptoren), die unser Gehirn dann als Farbe und Helligkeit versteht, werden Zapfen (Farbe) und Stäbchen (Dämmerungssehen) genannt. Beide Zellarten müssen durch ein sehr feines Gefäßnetz mit Blut versorgt werden. Diese Blutversorgung liegt vor den Sinneszellen. Das bedeutet, trifft Licht auf das Auge und geht durch die Pupille hinein, dann muss es durch ein Gewirr von Blutgefäßen hindurch, bevor es auf die Zellen trifft, die elektrische Impulse herstellen können. Das heißt, wir sehen unsere Welt ständig durch einen Wald von Blutgefäßen – ohne es zu bemerken.

Wenn Sie diese Blutgefäße einmal sehen wollen, dann versuchen Sie Folgendes: Nehmen Sie eine Taschenlampe. Dann schauen Sie gerade aus und wenden gleichzeitig Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Augen. Wenn Sie nun die Taschenlampe ganz nah von der Seite an einen Augenwinkel halten, also vom Augenwinkel aus mit der Taschenlampe ins Auge und dann einschalten, können Sie für einen Moment die dunklen Äste der Blutversorgung des Auges sehen. Vielleicht müssen Sie es ein oder zweimal probieren, um Ihre Aufmerksamkeit auf diese nahe Wahrnehmung zu konzentrieren. Aber dann werden Sie es sehen können.

Da das Gehirn sich schnell an neue Informationen anpassen kann, verschwindet dieser Effekt wieder und das Gehirn „überschreibt“ oder „konstruiert“ die fehlende Information. Denn überall da, wo Blutgefäße vor den Sinneszellen liegen, kann das Licht diese Zellen nicht anregen und zum Feuern bringen. Insofern müssten wir ständig unsere eigenen Blutgefäße sehen. Das tun wir nicht, weil unser Gehirn die Informationen ergänzt. Wir glauben ein ununterbrochenes Bild unserer Umgebung zu haben, in Wahrheit ist ein Teil dieses Eindrucks vom Gehirn ergänzt. Was für eine Leistung!

Dieses ununterbrochene Bild unserer Umgebung halten wir für real, weil wir es nicht anders kennen. Schauen wir genau hin, dann können wir feststellen, dass das so nicht stimmt. Wenn wir uns damit beschäftigen können wir dankbar für die großartige Leistung unseres Gehirns sein.

Das ist nur ein einfaches Beispiel. Wenn Sie im Internet auf die Suche nach optischen Illusionen gehen, werden Sie noch mehr Hinweise darauf finden, dass wir nicht „die“ Realität sehen, sondern „unsere“ Wirklichkeit. Wenn das bei so etwas Einfachem wie dem Sehen von Farbe oder Helligkeit so ist, warum sollte es dann bei so etwas Komplexen wie Erinnerungen oder menschlicher Kommunikation anders sein?

Die gute Nachricht ist, dass wir uns einerseits auf das Gelernte verlassen dürfen. Es diente immer unserem Überleben. Sind wir noch da, haben wir hilfreiche Dinge gelernt.

Da wo es uns nicht gut geht, haben wir die Freiheit zu überprüfen, woran es liegt und ganz gezielt Änderungen vorzunehmen. Denn wir haben einen Realitätssinn. Wir können unsere gegenwärtigen, aktuellen Wahrnehmungen mit denen von anderen oder mit unserer Erinnerung überprüfen und so zu einer neuen Wahrnehmung und neuen Wirklichkeit finden.

Wenn wir immer glaubten, dass das, was uns Angst macht, tatsächlich so ist, dann können wir heute überprüfen, ob es einen realen Grund für unsere Ängste gibt (Realitätscheck). Wir werden mit der Hilfe unseres Realitätssinns in der Lage sein, Phantasie von Gegenwart zu unterscheiden, denn dafür haben wir unseren Realitätssinn. Zum Überprüfen der gegenwärtigen Realität mit all den Annahmen und Phantasien über die aktuelle Wirklichkeit.

Eine meiner beliebten Übungen dazu ist (eine Form des Realitätschecks): Wenn Sie vermuten, dass jemand etwas Bestimmtes über Sie denkt, dann fragen Sie, was die Person gerade denkt. Sie werden erstaunt sein, wie oft Ihre Vermutung nicht mit dem übereinstimmt, was Ihnen der andere antwortet. Das ist ein Hinweis darauf, dass Ihre Vermutung eine Phantasie ist, was Vermutungen erstmal IMMER sind: Phantasie.

Danach haben sie die Wahl, ob Sie glauben, was Ihnen der andere sagt oder nicht. Diese Entscheidung können Sie an der vergangenen Erfahrung mit genau dieser Person prüfen. Wie war es bisher mit dieser einen Person. Begehen Sie nicht den Denkfehler der Verallgemeinerung (Kindlicher Größenwahnsinn / Schuldgefühle) und vergleichen die Aussage mit ALLEN Ihren Erfahrungen. Sondern nur mit der Erfahrung mit dieser einen Person. Das ist der einzige halbwegs zuverlässige Maßstab, den Sie haben.

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Beau Lotto: Das Vortragsvideo ist leider nur auf English und ohne deutsche Untertitel, aber die visuellen Spielereien kann man vielleicht trotzdem sehen und sich wundern. Im Grunde geht es meist darum, welche Farben sind gleich. Jedoch hängt es von der Umgebungsfarbe ab, wie wir die Farbe wahrnehmen. Am lustigsten ist das Experiment mit den zwei Farbflächen und darunter zweimal das Bild einer Wüste. Zuerst muss man für 30 sec auf den weißen Punkt zwischen den Farbflächen schauen, dann auf den weißen Punkt zwischen den Wüstenbildern. Immer wieder eine tolle Erfahrung, wie anpassungsfähig und umgebungsabhängig unsere so „objektive“ Wahrnehmung ist.


Noch mehr Sinn: Scharfsinn und Tiefsinn

Ist es nicht toll, dass wir als Menschen die Möglichkeit haben zu denken? Dass wir die Dinge in ihrer Tiefe erfassen wollen und das auch können? Dass wir genau hinschauen und scharfsinnige Schlüsse schließen können?

Ich finde das immer wieder großartig und selbst in meiner Praxis treffe ich so viele Menschen, die verstehen wollen. Die sich nicht damit abspeisen lassen: „Das ist so.“ oder „Das ist normal“, sondern die nach dem Sinn, nach den Zusammenhängen suchen. Sie wollen sich selbst verstehen. Ein für viele Menschen existentielles Bedürfnis. Schauen Sie sich an, wie viele Menschen mit Forschen oder Suchen beschäftigt sind. Ein Großteil der Motivation zu forschen ist sicher das Verstehen-Wollen. Würden wir die Frage Warum stellen, wenn wir darauf keine Antwort wollten? So oft wird diese Frage gestellt.

Bekommen wir eine Antwort, breitet sich Ruhe aus. Es ist als würde etwas seinen Platz finden in uns. Wir fühlen uns für einen Moment sicher und geborgen. Ein Grundbedürfnis ist befriedigt. Gleich darauf, es dauert nicht lang, stellen wir die nächste Frage und setzen uns mit unserem unruhigen Geist wieder in Bewegung. Wie treffend, sind wir doch für Bewegung gemacht (Achtung Gott: Das Bedürfnis der Schöpfung nach Gleichgewicht).

Dr. Caroline Leaf (Giftige Gedanken) schildert in einem Vortrag, dass je tiefer wir eine Sache durchdenken und verstehen, desto gesünder ist der tief denkende Mensch. Wir sind für tiefe Gedanken gemacht. Wir können unsere Welt mit Scharfsinn zerlegen, wie mit einem geschliffenen Messer. In der Tiefe erfassen wir den Sinn für uns. So wie wir in die Tiefen der Meere tauchen, in Höhlen klettern, in den Tiefen des Körpers nach Antworten für Krankheiten suchen oder in die Tiefen des Weltalls vorstoßen, um zu erfahren, dass wir nicht allein sind.

Dabei geht es nicht darum, DEN Sinn zu erfassen, sondern unseren eigenen, ganz einzigartigen Sinn zu finden. Je tiefer man kommt, desto einzigartiger sind dieser Sinn und die Sicht auf die Dinge um uns herum. Wir finden Zusammenhänge, die andere nicht sehen, wir entdecken Ursache und Wirkung, wundern uns und sind trotzdem fasziniert von unserer Entdeckung. Wir sind in Bewegung mit einem beweglichen Geist, der arbeiten will, erfassen und verstehen will. Schauen Sie sich Kinder an, wie sie lernen wollen, machen wollen, üben wollen, mehr wollen, warum ist das so? Warum ist das anders? Warum?

Einzig die Erstarrung durch Angst hält uns davon ab, unserem inneren Bedürfnis nach Bewegung und Verstehen und Sinn nachzugehen.

Verbringen Sie die Woche doch einmal damit, Ihr Bedürfnis nach Sinn mit Scharfsinn aufzuspüren und den Sinn darin in seiner Tiefe zu erfassen.

Krokusse_AR_2015(c) Anke Rösch, 2015

 

Noch mehr Sinn: Gemeinschafts- und Familiensinn

Eines der Grundbedürfnisse nach Maslow ist das Zugehörigkeitsgefühl. Das betrifft sowohl unsere kulturelle Zugehörigkeit, wie die Zugehörigkeit zu unseren Familien oder anderen Formen der Gemeinschaft mit andere Menschen. Der Mensch ist ein Beziehungstier, ein Herdentier, nur selten ein Einzelgänger, der ohne andere Menschen existieren will.

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie stark die Verbindung ist, die wir zu unseren Familien haben. Der Sinn für unsere Familie sitzt tief. Selbst wenn Menschen Jahre lang Gewalt durch die Ursprungsfamilie erleben, zieht es Kinder zur Familie, wünschen sie sich nichts sehnlicher als Liebe und selbst nach Jahren sehnen wir uns nach Annahme, Vergebung und Bedingungslosigkeit – durch die Eltern, Geschwister, nahestehende Menschen.

Zwei Menschen gehen eine Verbindung ein, die anders ist als andere Beziehungen. Mann und Frau oder gleichgeschlechtliche, partnerschaftliche Beziehungen, das spielt keine Rolle. Das Besondere der Beziehung ist entscheidend. Diesen einen Menschen an der Seite zu haben, auf den man sich bedingungslos verlassen möchte, der zu einem steht, einen auffängt und einem den Rücken freihält, egal was man tut. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die sagen diese Form der Beziehung nicht zu vermissen oder nicht zu wollen. Für mich ist das immer wieder schwer nachzuvollziehen. So viel verbreiteter erlebe ich die Sehnsucht nach dieser bedingungslosen, familiengleichen Beziehung.

Was wird nicht alles unternommen, wie wird geworben, gezähmt, verführt, beschenkt oder wie wird sich in partnerschaftlichen Beziehungen unterworfen, gedemütigt und beherrscht. Wie werden Opfer gesucht, bedroht und gewaltsam unterworfen aus Angst vor – unter anderem dem Alleinsein. Wie viele Menschen haben genau davor Angst, vor der Einsamkeit? Sie halten es nicht mit sich selbst aus oder fühlen sich dem Leben nicht gewachsen ohne so etwas wie eine Familie, eine Partnerschaft, diese eine besondere Beziehung, die wir so oft überfordern und doch so sehr brauchen? Wäre Beziehung nicht so wichtig, würden wir nicht auf Beziehungen angewiesen sein, um unsere Grundbedürfnisse befriedigt zu bekommen, wie einfach und gewaltfrei könnte die Welt sein. Wie gut könnte es uns gehen, hätten wir kein Bedürfnis nach Nähe, nach Zugehörigkeit, nach Partnerschaft oder Gemeinschaft.

So sehr wie der Kampf ums Überleben uns entzweien kann, so sehr brachte und bringt er uns im Angesicht der Katastrophe zusammen. Auch das etwas, das wir alle kennen, vielleicht nur aus der Presse oder von Freunden und Kollegen, wenn man das Glück hatte, noch nie eine Katastrophe miterleben zu müssen, die nur in der Gemeinschaft überlebt und bewältigt werden kann. An allen Ecken und Enden finden wir den Ausdruck dieser Gemeinschaft in der Not. Ob Kriseninterventionsdienste oder Notfallseelsorge. Ob eine gute Freundin oder ein Psychotherapeut. Es wirkt die Beziehung, die echte Beziehung und wir spüren es. Immer wieder treffe ich Menschen, die sich in Beziehungen nicht wohlfühlen. Frage ich nach, stellt sich nicht selten heraus, dass sie das Gefühl haben, ihr Gegenüber würde sich nicht wirklich für sie interessieren. Weiter nachgefragt, woran sie das festmachen, fehlen oft die Worte und macht sich Verunsicherung über die eigene Einschätzung breit. Aber ist es nicht genau das? Das Gespür dafür, wie sich eine Beziehung richtig anfühlt? Auch wenn man es nicht in Worte fassen kann?

Wir wissen, dass wir Beziehungen brauchen, etwas wie Familie, am besten echte, heile und zuverlässige Familie. Wir spüren, wie die Beziehung sein müsste, damit es uns gut geht, auch wenn wir nicht immer in der Lage sind, das in Worte zu fassen. Wir sehnen uns danach, wir suchen sie auf die für uns mögliche Art und Weise. Wir haben einen Sinn dafür, wir können uns in unserer Sehnsucht nach Beziehungen wahrnehmen und wissen, tief in uns, wie es sich richtig, gesund anfühlen würde. Das nenne ich Familiensinn: die Freude an der Gemeinschaft mit der eigenen Familie, die Sehnsucht nach derselben und das tiefe Wissen darum, wie sich gesunde Beziehungen anfühlen. Das gleiche gilt in meinen Augen für den Gemeinschaftssinn. Unser Sinn dafür, dass wir alleine nicht überleben können. Der Sinn, der uns spüren lässt, was notwendig ist, um Gemeinschaft haben zu können, auch wenn es nicht immer die gesündesten oder freiesten Verhaltensweisen sind, die wir dafür im Alltag einsetzen. Doch auch hier bin ich davon überzeugt, dass wir spüren, wie es sich gesund anfühlen würde.

Wo haben Sie gute Gemeinschaft? Wie ist das Verhältnis innerhalb Ihrer Familie? Möchten Sie etwas ändern oder ist es gut so wie es ist – oder – darf es so sein, wie es ist? Können Sie den Zustand spüren, wie sich eine gute Beziehung für Sie anfühlt? Können Sie das in Worte fassen?

Noch mehr Sinn: Freiheitssinn

Schaut man in Wikipedia, was Freiheit ist, so findet man: „Freiheit (lateinisch libertas) wird in der Regel verstanden als die Möglichkeit, ohne Zwang zwischen allen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können. Der Begriff benennt in Philosophie und Recht der Moderne allgemein einen Zustand der Autonomie eines Subjekts.“

Das ist es, was wir mit unserem Freiheitssinn wahrnehmen. Wir nehmen wahr, ob wir oder andere die Freiheit haben, zwischen Möglichkeiten zu wählen oder zu entscheiden.

Viele Diskussionen darüber, was im Einzelfall konkret unter Freiheit zu verstehen ist zeigen, wie wichtig dieser Begriff für uns als Menschen ist, dass wir ein Gespür, einen Sinn dafür haben, auch wenn wir es nicht so leicht und vollständig in Worte fassen können und deswegen immer wieder versuchen, uns mit Worten anzunähern.

Wie viel uns Freiheit wert ist, kann man daran sehen, dass wir als erstes Recht nach der Würde des Menschen die Freiheit eines jeden Menschen in unserem Grundgesetz schützen: Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Art 2:

(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.
Und wird gegen dieses Recht verstoßen, dann ist das Schlimmste, was wir als Strafe haben, die Freiheit eines Menschen zu entziehen: Freiheitsstrafen.

Obwohl wir kein Organ für die Wahrnehmung von Freiheit haben, beschäftigt sie uns sehr. Naja, vielleicht haben wir doch ein solches Sinnes-Organ: Das Gehirn und unsere Fähigkeit zu denken, zu erkennen, abzuwägen, zu planen, durchzudenken und letztendlich Entscheidungen zu treffen, die wir auch umsetzen können.

Allerdings nehmen wir unsere Möglichkeiten nicht immer wahr. Verantwortlich dafür ist unser Autopilot, der viele Entscheidungen im Hintergrund für uns trifft, so dass man sie nicht immer als freie Entscheidung bezeichnen kann, weil sie immer wieder nur unbewusst getroffen werden und sicher nicht immer so ausfallen würden, würden wir sie in diesem Moment als Ergebnis eines Denkprozesses bewusst treffen.

Es gibt Entscheidungen, die wir nur einmal bewusst treffen müssten, um unsere Freiheit auszuüben. Danach könnten wir uns des Autopiloten bedienen und würden, wie ich finde, trotzdem unsere Freiheit leben.

Zum Beispiel hat jeder die Freiheit über sich zu denken wie er will. Warum also nicht einfach entscheiden, positiv über sich zu denken, sich für wertvoll zu halten, für liebenswert, für kompetent??? Möglicherweise weil wir unsere Freiheit eben nicht immer wahrnehmen, unser Freiheitssinn getrübt ist, vielleicht wie eine dreckige Fensterscheibe. Und trotzdem spüren wir, wenn unsere Freiheit beschnitten wird. Wir spüren, wenn uns jemand zu nahe kommt, uns in unserer freien Entfaltung, in unserem Leben, in unserer Gesundheit einschränken will. Dann reagieren wir mit Stress. Das bedeutet, dass wir als Unterstützung zumindest in manchen Bereichen unseres Lebens die Stressreaktion als Alarmsystem für die Beschneidung unserer Freiheit haben. Möglicherweise könnte man die Stressreaktion als einen Mechanismus betrachten, über den wir unseren Freiheitssinn erleben.

Insofern könnte man sich, wenn man sich gestresst fühlt, bewusst fragen, welche meiner Freiheit empfinde ich gerade als eingeschränkt? Welche Möglichkeiten stehen mir gerade nicht zur Verfügung, welche Entscheidungen kann ich gerade nicht treffen, weil jemand anderes sie mir überstülpen will?

Wenn wir uns trauen, unseren Freiheitssinn öfter bewusst zu spüren und bewusst über unsere Freiheiten, unserer Möglichkeiten nachzudenken und bewusste Entscheidungen zu treffen, würde er uns helfen, freier zu werden.

Noch mehr Sinn: Wahrheitssinn

„Dem Begriff Wahrheit werden verschiedene Bedeutungen zugeschrieben, wie Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, einer Tatsache oder einem Sachverhalt, aber auch einer Absicht oder einem bestimmten Sinn bzw. einer normativ als richtig ausgezeichneten Auffassung oder den eigenen Erkenntnissen, Erfahrungen und Überzeugungen.“ Wikipedia, 25.05.15

In meinen Worten ist Wahrheit vereinfacht gesagt etwas, das wir an einem Kriterium messen und das wir als wahr bewerten, wenn die Übereinstimmung gegeben ist.

Da wo Wahrheit überprüfbar ist, anhand von Kriterien, die wir alle oder zumindest die meisten anerkennen wie zum Beispiel anhand der Naturgesetze, benötigen wir unseren Wahrheitssinn nicht. Wir können die Wahrheit „objektiv“ prüfen.

Sinne haben immer etwas mit unserer persönlichen Erfahrung zu tun. Unsere Sinnesorgane sind der Kanal, über den wir die Welt erfahren und unsere eigenen Schlussfolgerungen daraus ziehen. Wir können die Reize, die wir wahrnehmen zwar beschreiben, aber so etwas Konkretes wie die Schmerzwahrnehmung zeigt uns, dass unser Schmerzerleben (Die innere Wahrheit: Das hat sehr weh getan!) nicht von dem Reiz abhängt, z.B. einer 49 Grad heißen Metallplatte, sondern davon, für wie kontrollierbar wie den Schmerz halten oder was uns gesagt wird, wie schmerzhaft der Reiz sein wird (Rüegg, 2010). Was wir also für wahr halten muss nicht notwendigerweise an äußeren Kriterien überprüfbar – und damit allgemeingültig – sein, sondern kann auch inneren Kriterien, z.B. eigenen Erfahrungen genügen, was uns zu der Bewertung bringt, dass etwas wahr ist, dass wir nicht so ohne weiteres – im Außen – überprüfen können.

Das bedeutet für mich, dass wir einen Sinn haben, um Wahrheit wahrzunehmen, auf jeden Fall unsere Innere Wahrheit. Für mich ist diese innere Wahrheit vor allem in Bezug auf meinen Glauben offensichtlich. Ich kann Gott nicht „objektiv“ beweisen, und trotzdem habe ich ganz persönliche Erfahrungen, die mich zu dem Schluss kommen lassen, dass es Gott gibt. Diese Erfahrungen sind mir Beweis genug für meine innere Wahrheit. Wenn etwas erstmal meine Wahrheit ist, bin ich auch nicht so leicht wieder davon wegzubringen.
Das wiederum ist etwas sehr Menschliches, dass wir an unserer Wahrheit festhalten, zur Not auch mit Gewalt. Man denke nur an all die Religionskriege in der Geschichte bis heute oder an Jeanne D´Arc. Wie viele Vordenker mussten für ihre innere Wahrheit das Leben lassen? Einer bekanntesten ist sicher Mahatma Gandhi, der für seine Überzeugung, die unter anderem das Festhalten an der Wahrheit beinhaltete, ermordet wurde. Andere wurden ignoriert wie zum Beispiel Mendel für seinen Beobachtungen zur Vererbungslehre oder heute noch Hahnemann und seine Entdeckung der homöopathischen Wirkweise von Stoffen.

Denken Sie nur an all die wissenschaftlichen „Beweise“, die wir inzwischen haben, weil wir die Methoden verändern, genauer oder anders hinschauen (z.B. Mikroskope, DNA-Analysen, fMRT oder CT) und damit die Welt auch anders begreifen können. Doch es gab immer die Menschen, die all das, was „die Wissenschaft“ heute „beweist“ schon vor Jahrhunderten wussten, oder Menschen, die heute schon wissen, was erst in 20 Jahren bewiesen werden kann. Menschen, die die Wahrheit kennen, auch ohne wissenschaftlichen Beweis.

Unterschätzen wir nicht, dass wir in uns ein Gespür für die Wahrheit haben. Das wir wissen, in unseren Herzen, was – für uns – wahr ist, und was nicht. Es schadet sicher nicht, diese Überzeugungen immer wieder am allgemeinen Wissen zu überprüfen, eben weil das, was wir glauben zu wissen, oft davon beeinflusst ist, was unsere Umwelt weiß/glaubt oder uns gesagt hat. Vor allem, wenn es darum geht, was wir für wahr über uns selbst halten (Glaubenssätze und Giftige Gedanken).

Da wo man Dinge prüfen kann, sollte man es meines Erachtens tun. Dennoch kann es sein, dass man zu dem Schluss kommt, die innere Wahrheit ist eine andere als die „objektive/wissenschaftlich beweisbare“ Wahrheit. Und was dann?

Wahrheit geht für mich mit Verantwortung einher. Meine innere Wahrheit enthebt mich nicht eines verantwortungsvollen Umgangs damit. Vor allem dort, wo das Handeln nach dieser inneren Wahrheit die Freiheit anderer beschneidet, bin ich gefragt, gerechte und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. Was ja sozusagen das Motto dieses Blogs ist und worum es teilweise im letzten Artikel ging und im Artikel über den Gerechtigkeitssinn noch gehen wird.

Bei der Beschäftigung mit diesem Thema fiel mir ein weiterer Aspekt zur Wahrheit ein:

Aus meiner Arbeit weiß ich, dass Wahrheit oft besser ist als Nichtwissen. Wenn Menschen verschwinden, dann möchten die meisten Angehörigen wissen, was passiert ist. Selbst wenn das bedeutet zu erfahren, dass die verschwundene Person tot ist. Die Wahrheit ist an der Stelle hilfreicher als nicht zu wissen und sich der Phantasie zu überlassen. Denn die Phantasie ist meist schlimmer als jede Wirklichkeit und jede Wahrheit.

Ähnlich habe ich es immer wieder bei Opfern sexueller Gewalt erlebt, die mit KO-Tropfen betäubt wurden. Die meisten wüssten lieber, was der Täter mit ihnen gemacht hat als mit diesem unklaren (Körper-)Gefühl und der fehlenden Erinnerungen klarkommen zu müssen.

So ist unser Wahrheitssinn vielleicht auch Ausdruck dessen, dass es zu einem gesunden Menschen dazugehört, sich der Wahrheit zu stellen.

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Noch mehr Sinn: Gerechtigkeitssinn

Als ich mich mit diesem Thema beschäftigt habe, war mir klar, dass ich einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn habe, aber ein paar andere interessante Aspekte durfte ich erst noch „erdenken“ und entdecken. Vor allem war erstmal die Frage, was denn Gerechtigkeit ist, sprich das wofür wir diesen Sinn haben?

  1. Der Begriff der Gerechtigkeit bezeichnet einen idealen Zustand des sozialen Miteinanders, in dem es einen angemessenen, unparteilichen und einforderbaren Ausgleich der Interessen und der Verteilung von Gütern und Chancen zwischen den beteiligten Personen oder Gruppen gibt. Sagt Wikipedia.
  2. Für Gerechtigkeit braucht es mindestens zwei Parteien. Es geht darum (siehe oben), etwas aufzuteilen und das auf eine für alle Beteiligten zufriedenstellende Art zu tun. Das wiederum bedeutet nicht, dass es für alle das Gleiche sein muss, auch wenn das unsere einfachste Form von Gerechtigkeitsempfinden ist (siehe Kohlberg weiter unten). Das ist die Auge-um-Auge-Mentalität. Alle Kinder wollen gleich viele Bonbons oder Taschengeld. Aber als Eltern ist schnell klar, dass das nicht unbedingt gerecht ist. Wieso sollte ein fünfjähriges Kind so viel Taschengeld bekommen wie ein 10-Jähriger?
  3. Schaut man sich in der Gerechtigkeitspsychologie um (Abriss der Gerechtigkeitspsychologie) wird schnell klar, dass wir ein Gerechtigkeitsempfinden, einen Gerechtigkeitssinn haben, ohne dass dieser klar beschrieben wird. Allerdings gibt es viele Faktoren, die darauf Einfluss haben, ob wir etwas als gerecht oder ungerecht wahrnehmen, wie zum Beispiel die Wahrnehmung von Einfluss auf eine wichtige Entscheidung oder das Wissen darüber, wie eine Entscheidung zustande gekommen ist. Ein schönes Beispiel dafür sind Rechtsentscheidungen: Wir wissen ungefähr, wie sie zustande kommen, haben aber kein Mitspracherecht bei der Entscheidung. Kein Wunder, dass wir Entscheidungen, die uns persönlich betreffen, immer wieder als ungerecht empfinden.
  4. Gerechtigkeitsempfinden und Moralische Entwicklung werden von Lawrence Kohlberg gleichgesetzt. Demnach gibt es eine Entwicklung des Gerechtigkeitsempfindens. Im Detail, hier nachzulesen.
  5. Ein wie ich fand spannender Hinweis für diese Entwicklungstheorie ist folgende Erkenntnis: Neueste Forschung zeigt, dass Kinder im Alter von 3 Jahren bereits wissen, wie sie etwas aufteilen sollten (Regel, um Gerechtigkeit herzustellen), es aber nicht tun. Erst ab einem Alter von 7 bis 8 Jahren erkennen Kinder den Wert der Regel und handeln auch danach, so die Ergebnisse dieser Studie (Spiegel-Aritkel auf Deutsch und Orginal-Forschungsarbeit: Smith CE, Blake PR, Harris PL (2013) Correction: I Should but I Won’t: Why Young Children Endorse Norms of Fair Sharing but Do Not Follow Them. PLoS ONE 8(8): 10.1371/annotation/4b9340db-455b-4e0d-86e5-b6783747111f.

Ich finde schon länger den Gedanken spannend, dass es gerecht ist, wenn jeder das bekommt, was er braucht auf dem Hintergrund eines friedlichen Zusammenlebens und der gegebenen Möglichkeiten.

All das beschreibt Gerechtigkeit und weniger unseren Gerechtigkeitssinn. Aber da man ihn beforschen kann, gehen wohl alle davon aus, dass wir ihn haben. Das fand ich sehr lustig.

Unser Gerechtigkeitssinn ist also dafür da, Gerechtigkeit wahrnehmen zu können.

Gerechtigkeit benötigen wir, wenn wir mit anderen Menschen in Frieden leben wollen. Ist das Miteinander gerecht geregelt, sind wir zufrieden. Wir spüren, ob etwas gerecht ist. Gleichzeitig ist das, was wir gerecht finden einem Entwicklungsprozess unterworfen, wie auch die Entwicklung moralischer Entscheidungen.

Im Grunde beschreibt der Begriff Gerechtigkeitssinn den Denkprozess, mit dem wir zu dem Ergebnis kommen, ob wir etwas gerecht finden oder nicht. Auch hier messen wir an Kriterien, ähnlich wie beim Wahrheitssinn. Ist der Wahrheitssinn etwas, das uns erlaubt, innere Wahrheiten zu prüfen, so hilft uns der Gerechtigkeitssinn unser Zusammenleben mit anderen, unsere Beziehungen hinsichtlich unserer und der Bedürfnisse der anderen zu prüfen, einzuschätzen und im Idealfall auch gerecht zu handeln. Das Ziel dieses Denkens ist, Beziehungen so zu gestalten dass alle zufrieden sind. Will man dieses hehre Ziel erreichen, wird klar, dass Gerechtigkeit etwas sehr Komplexes ist. Da ist es schon gut, dass wir dafür auch einen Sinn haben, der es uns erlaubt mit zunehmender (Beziehungs-)Erfahrung auch gerechtere und damit für alle zufriedenstellendere Entscheidungen zu treffen.

Da wir in großen Gruppen nicht mehr in der Lage sind, komplexe Entscheidungen und deren Konsequenzen auf allen Ebenen mal eben so zu durchdenken, haben wir diese Entscheidungen für gewisse Bereiche an den Staat abgegeben und ein Rechtsystem. Zum Wohle aller und manchmal entgegen dem Gerechtigkeitsempfinden des Einzelnen wird Recht gesprochen. Es ist eben ein menschliches System, das so anfällig ist, wie seine Aufgabe komplex ist.

Gerechtes Handeln erlaubt uns gewisse Freiheiten. Hätten wir das Recht nicht, dass uns unsere Freiheit(en) zusichert, würde allein das Recht des Stärkeren gelten und Gewalt und Unterdrückung würden herrschen. Eben weil wir in unserer moralischen Entwicklung nicht alle an den Punkt kommen, wo wir den Vorteil darin sehen, dass es auch anderen gut geht, im allgemeinen Frieden, in Kompromissen, deswegen ist es gut, dass wir dem Staat die Aufgabe gegeben haben, so gut es geht unsere Freiheiten durch das Recht zu schützen.
Es ist ein Rechtssystem und kein Gerechtigkeitssystem. Dafür wäre Liebe zum anderen notwendig und die absolute Bereitschaft zur Eigenverantwortung. Diese Stufe der moralischen Entwicklung, in der wir das Wohl aller im Blick haben, haben wir als Menschen wohl noch nicht erreicht.

Aber wir können uns mit Gerechtigkeit beschäftigen, unseren Gerechtigkeitssinn weiterentwickeln, indem wir für innere Freiheit sorgen und somit zu mehr Eigenverantwortung finden. Das wäre ein Anfang.

Noch mehr Sinn: Schönheitssinn

Finden Sie es nicht auch erstaunlich, dass jeder Mensch einen Sinn dafür hat, zu erkennen, dass etwas schön ist? Wir alle haben einen Sinn für Ästhetik. Wir sind aufgrund unserer Lebensumstände nicht immer in der Lage, Schönheit wahrzunehmen oder uns mit Schönheit zu beschäftigen, aber wir können sie erkennen, wenn wir uns die Zeit dafür nehmen. Ich glaube nicht, dass es jemanden gibt, der angesichts von Bergmassiven nicht ein Gefühle von Staunen empfindet, oder angesichts eines Wales, der aus den Tiefen des Ozeans hervorschießt. Wer kann nicht vor einem Feld Sonnenblumen oder vor einer Landschaft mit Seen, Feldern und alten Gemäuern sprachlos stehenbleiben und den Anblick geradezu trinken, aufsaugen in sein Innerstes, seine Seele. Wir nennen es gerne: Die Seele tankt auf. Es tut uns gut, Schönheit zu sehen, Schönheit zu spüren. Ob es ein leckeres Essen ist, ein ansprechendes Parfum, der perfekte Anblick einer Lieblingsblume oder auch die anmutigen Bewegungen einer Raubkatze oder einer Tänzerin, wir spüren das Besondere, das Schöne daran und Schönheit berührt uns.

Wie alles im Leben ist auch unser Schönheitssinn etwas, dass durch unsere Erfahrungen geprägt und verzerrt wird.

Neulich machte mich ein Freund auf folgende absolut sehenswerten und überdenkenswerten Videos aufmerksam:

Sag „ja“ zu deiner Schönheit:

Was wir weitergeben:

Ich sehe was, was Du nicht siehst und das ist schön:

Neben dem, dass wir Schönheit um uns herumerkennen in Landschaft, Tieren und Menschen, stellt sich die Frage, ob wir uns selbst schön finden können.

Meine Vermutung ist, dass vor allem viele Frauen wie in den Videos deutlich wird, nicht mit der Vorstellung groß werden, sie wären schön. Weder äußerlich und oft noch viel weniger innerlich. Unsere äußere Schönheit hängt so sehr an den sogenannten Schönheitsidealen, die uns von Kunst und heute Werbung und Marketing um die Augen gehauen werden. Ziel dieser Ideale ist es, uns das Gefühl von Minderwertigkeit zu geben, damit wir das entsprechende Produkt kaufen, weil wir ebenso begehrenswert und schön sein wollen, wie die Personen in den Werbeauftritten. Ist das so? Prüfen Sie den Gedanken für sich mit ihrem Wahrheitssinn.

Wie kann also eine Frau mit ein paar Kilos zu viel sich schön finden, wenn Models eher eine magersüchtige Grundfigur haben? Wie können Frauen sich schön finden, wenn ihre äußerliche Erscheinung, vor allem, wenn sie hübsch sind – und alle jungen Mädchen sind auf ihre Art hübsch – oft genug Anlass dafür ist, Opfer von männlicher Gewalt zu werden. Man muss sich nur mal vorstellen, dass 58% der deutschen Frauen sexuelle Belästigung kennen. Jede zweite. Und das ist „nur“ sexuelle Belästigung. Von den schlöimmeren Formen männlicher Gewalt gegen Frauen, wollen wir an der Stelle gar nicht reden. Wen es interessiert, kann das hier downloaden und nachlesen. Wie können Frauen da selbstbewusst mit ihrer Körperlichkeit umgehen oder sich gar schön finden?

Und was ist mit unserer inneren Schönheit? Liegt nicht gerade in der Einzigartigkeit eines jeden Menschen seine unbeschreibliche Schönheit? Als Psychologin bin ich immer wieder davon fasziniert und freue mich gerade an dieser inneren Schönheit. Je freier Menschen werden, desto mehr beginnen sie zu leuchten, desto schöner werden sie. Das ist so wie ein Tänzer, der hart daran arbeitet jede Bewegung bewusst zu vollziehen, bis sie perfekt abläuft, um dann so lange zu trainieren, bis die Bewegung ohne Bewusstsein ablaufen kann und dadurch wieder anmutig wird.

Im Grunde ist es mit der Psychologie von Menschen genauso. Wenn man gifitge Gedanken bearbeitet ist es roh, anstrengend, blutig, es schmerzt, es hat etwas davon, einen Garten umzuwühlen, um das ganze Unkraut zu entfernen und den Müll zu entsorgen, der dabei zu Tage tritt. Aber je mehr man übt, desto leichter geht es und wenn man es geschafft hat, sich selbst davon zu überzeugen, dass man liebenswert oder eben auch schön ist, dann kann der Garten anfangen zu blühen und Schönheit hervorbringen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es ein englischer Garten oder eine verwilderte Blumenwiese ist oder ein Schrebergarten mit einem Gewächshaus. Alles ist schön.

Sie sind auch schön! Wussten Sie das schon? Und glauben Sie es?

DSC_0073(c) 2015, Anke Rösch

Noch mehr Sinn: Feinsinn

Feinsinn im Duden-online eingegeben produziert vor allem folgende Begriffe: Feinfühligkeit, Empfindsamkeit, Empfindlichkeit, die Fähigkeit, auf bestimmte Reize mehr oder weniger empfindlich zu reagieren, Zartsinn, Zartgefühl und natürlich gibt es auch noch andere Definitionen, wenn man bei Empfindlichkeit weitersucht.

Ich frage mich, ob wir unter Feinsinn nicht die Fähigkeit verstehen dürfen, Dinge wahrnehmen zu können, die wir nicht mit unseren anderen Sinnesorganen wahrnehmen. Umgangssprachlich nennen wir das Intuition, Bauchgefühl, den 6. Sinn oder auch Hell-Fühligkeit. Wobei es die Hellfähigkeiten dann wieder in allen Sinnesqualitäten gibt, also als hellhören, hellsehen, hellfühlen im Sinne von Körperwahrnehmungen spüren und – soweit mir bekannt – seltener hellriechen und hellschmecken. Aber im Grunde alles möglich. Ja es klingt seltsam, aber warum sollte es nicht Menschen geben, welche so feine Sinne haben?

In meiner Praxis begegnen mir diese Menschen immer wieder. Das große Leid, wenn sie zu mir kommen, besteht immer wieder darin, dass sie Dinge wahrnehmen, welche viele Menschen – einschließlich mir – nicht wahrnehmen. Die meisten Menschen reagieren darauf ablehnend, vermutlich aus Angst heraus. Sich vorzustellen, mein Gegenüber kann spüren, wie es mir gerade geht oder womöglich Kontakt mit meiner toten Mutter aufnehmen oder in meine Zukunft sehen oder meine Gedanken lesen – letzteres ist mir bisher persönlich noch nicht begegnet – das ist schon ziemlich gruselig. Da entsteht auch bei mir immer wieder für einen Moment die Angst, durchschaut zu werden oder dass der andere meine dunkelsten Seelenecken ausleuchtet.

Auf der anderen Seite sind mir bisher nur Menschen begegnet, die sehr achtsam und respektvoll mit ihren feinen Sinnen umgegangen sind und eher Hilfe suchen, weil es für sie oft schwierig ist, sich gegen diese feinen Wahrnehmungen anderer abzugrenzen. Schließlich müssen sie ja die „normalen“ Reize, die wir alle wahrnehmen auch noch verarbeiten und das andere läuft irgendwie zusätzlich. Das kann ganz schön anstrengend sein. Ist ein Mensch mit besonders feinen Sinnen Gewalterfahrungen ausgesetzt, so kann dies noch ganz andere Auswirkungen haben als bei uns „anderen“. Im Grunde geht es aber wie immer „nur“ darum, die besondere Fähigkeit zu akzeptieren und zu lernen, damit auf eine gesunde Art umzugehen. Auch das kann man lernen.

Der zweite Aspekt des Feinsinns ist für mich tatsächlich die Frage, inwieweit wir alle eine Art Feinsinn besitzen, den wir als Intuition oder Bauchgefühl bezeichnen. Haben wir nicht alle manchmal Ahnungen? Oder spüren drohende Gefahren? In all den Jahren Traumatherapie ist mir bisher nur eine Person begegnet, die nicht sagen konnte, dass sie im Vorfeld so etwas wie eine Warnung empfunden hat. Manchmal als Zögern oder Unsicherheit, einen Weg zu gehen, noch länger auf einer Party zu bleiben, zu überholen. Oder das innere Gefühl, heute besser zu Hause bleiben zu sollen. Aus eigener Erfahrung kenne ich den Gedanken: „Gefahr“, der mir in ein zwei Situationen durch den Kopf schoss und mich dazu bewegte, etwas nicht zu tun oder eine Handlung abzubrechen. Ich bin froh sagen zu können, dass mir nie etwas passiert ist. Ich habe auf mein Bauchgefühl gehört und das war gut.

Es hat eine Weile gedauert, sich das wieder mehr zu trauen. Ein, zwei unangenehme Situationen waren dazu schon notwendig. Denn im Grunde verlernen wir in unserer heutigen Welt, auf diesen Bauchgefühl zu hören. Wir fühlen uns sicher, wir müssen uns anpassen und lernen dadurch, dieser feinen Wahrnehmung von Gefahr in uns zu misstrauen. Vor allem, wenn wir öfter mal Angst haben und dann nie etwas passiert. Schnell glauben wir, unsere Angst sei unbegründet gewesen und könne ignoriert werden. Dabei kann man diese Momente einfach als Trainingscamp begreifen, in dem es darum geht, unter sicheren Bedingungen einzuüben, auf dieses Gefühl zu hören und sich entsprechend zu verhalten.

Wann haben Sie das letzte Mal auf Ihren Bauch, Ihre Intuition gehört? Und dann ist tatsächlich nichts passiert? Ja klar, WEIL Sie darauf gehört haben und nicht, weil nichts passiert WÄRE. Das dürfen wir uns immer wieder bewusst machen. Wir haben einen Feinsinn. Wir haben eine feinere Wahrnehmung als wir denken, alle. Denn auch heute in unserer eigentlich sicheren Welt, gibt es Gefahren, die wir umgehen können, wenn wir sie rechtzeitig wahrnehmen. Es spielt doch keine Rolle, wie das genau geht. Es ist gut zu wissen, dass es so ist und dieses Wissen zum eigenen Wohlbefinden einzusetzen. Also hören Sie wieder mehr auf Ihre Intuition.

Noch mehr Sinn: Frohsinn

„Froh zu sein bedarf es wenig, denn wer froh ist, ist ein König.“

So ein bekannter Kanon. Am Ende des Artikels eine Version von den Söhnen Mannheims. Direkt zum Mitsingen. Zum Spaß haben.

So soll es sein. Frohsinn. Unser Sinn, Spaß wahrzunehmen, Freude zu erkennen und zu fühlen, Glück zu spüren. Auch dafür haben wir einen Sinn und schaut man sich das Internet mit seinen vielen Filmchen an, so ist ein großer Teil der Freude, dem Lachen und dem Spaß gewidmet. Kein Wunder, denn wie an anderer Stelle bereits beschrieben, haben wir ein großes Bedürfnis danach zu lachen und glücklich zu sein. Man könnte sagen ein Glücksbedürfnis. Also das Bedürfnis nach Glück, das wie alle Bedürfnisse aus einem Zustand der Knappheit oder des Mangels entsteht. Wenn dem so ist, dann wären all die lustigen Filme, all die Witze, die wir uns erzählen und zeigen, der Versuch einem Mangelzustand entgegen zu wirken. Einem Mangel an Freude.

Haben Sie schon einmal einen hysterischen Lachanfall gehabt? Das ist anstrengend, aber auch entspannend, hinterher – wie immer berichtet wird. Lachen wirkt Stress entgegen, das weiß im Grunde jeder. Ich hatte neulich so einen Anfall. Ich weiß nicht einmal mehr, worüber ich so gelacht habe, dass mir die Tränen kamen. Das ist das Lustige daran, dass ich nicht vorhersagen kann, was ich zum Schreien komisch finde. Meist entsteht so ein Zustand daraus, dass ich etwas ein bisschen lustig finde und mich dann in meiner Phantasie hineinsteigere und es mir noch lustiger und noch extremer vorstelle. Nicht immer können andere das nachvollziehen. Nicht immer kann ich es selbst nachvollziehen. Hier ein Beispiel. Als Kind habe ich über folgenden Witz tagelang Tränen gelacht:

Klein Erna geht mit ihrem Hund spazieren. Sie kommen an einem Fischgeschäft vorbei, vor dem in großen Körben lebende Hummer und Krebse liegen. Klein Ernas Hund schnuppert an den Körben und hebt sein Bein über die Hummer. Einer der Hummer beißt dem Hund in den Schwanz, worauf dieser laut aufjaulend davonläuft, den Hummer und die Leine hinter sich herziehend. Da kommt der Ladenbesitzer aus der Tür gerannt: „Pfeif sofort Deinen Hund zurück!“ Klein Erna schaut ihn wütend an und meint: „Pfeifen Sie doch Ihren Hummer zurück!“

Tagelang habe ich darüber gelacht. Heute entlockt mir diese Geschichte ein müdes Lächeln. Heute kann ich dafür über das hier immer noch und über Vergleichbares immer wieder lachen:

Weil Lachen gut tut und sichtbar entspannt, lache ich viel während meiner Therapien und Seminare. Das ist mir wichtig. Genau aus diesem Grund. Ob es sogenannte Glückshormone sind, die wir ausschütten wenn wir lange genug von Herzen lachen oder ob es einfach nur ein Zustand von verschobener Aufmerksamkeit auf die lustige Seite der Ereignisse ist, oder eine Kombination aus beidem, spielt dabei keine Rolle. Es führt dazu, dass wir uns besser fühlen.

Ich bin froh, einen Froh-Sinn zu haben und den Frohsinn zu haben. Einen Sinn dafür, Freude wahrzunehmen, zu erkennen und zu empfinden, und die Freude selbst zu haben, das Glückgefühl, die Ekstase im besten Fall.

Indem ich über mich selbst lache, über Situationen, das komische Moment in einer Situation suche, einen Witz höre oder einen lustigen Film anschaue trainiere ich meinen Frohsinn, meine Fähigkeit, mich glücklich zu fühlen.

Wie trainieren Sie glücklich zu sein?

Söhne Mannheims: Froh zu sein, bedarf es wenig.

Achtung Gott: Unser Gottessinn?

Ich habe mich im letzten Jahr intensiv mit dem Thema Sinne auseinandergesetzt und kam zu dem Schluss, dass wir noch andere Sinne haben als unsere Sinnesorgane. Dass wir noch andere Dinge wahrnehmen können wie Freiheit, Gerechtigkeit, Wahrheit, Schönheit etc (Übersicht).

Am 8. Januar 2016 las ich auf der Suche nach einem Einstieg in einen Achtung Gott-Artikel zu diesem Thema in den Losungen folgenden Vers:

Römer 12, 2 (Luther): „Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“

Es war mir sofort klar, dass hier ein weiterer Hinweis steht, der für mich zu all den anderen passt, die ich im vergangenen Jahr fand. Ich schaute mir noch die eine oder andere Übersetzung an, unter anderem auch diese:

Römer 12,2 (Basisbibel): „Und passt euch nicht dieser Zeit an. Gebraucht vielmehr euren Verstand in einer neuen Weise und lasst euch dadurch verwandeln. Dann könnt ihr beurteilen, was der Wille Gottes ist: Ob etwas gut ist, ob es Gott gefällt und ob es vollkommen ist.“

Als ich das las, dachte ich sofort, das ist wieder so verkopft. Geht es wirklich darum, anders zu denken? Also schaute ich mir noch die lateinische Übersetzung und den griechischen Text an:

Römer 12, 2 (Latein): “Et nolite conformari huic sæculo, sed reformamini in novitate sensus vestri : ut probetis quæ sit voluntas Dei bona, et beneplacens, et perfecta.”

Römer 12, 2 (Griechisch): „και μη συσχηματιζεσθε τω αιωνι τουτω αλλα μεταμορφουσθε τη ανακαινωσει του νοοσ εισ το δοκιμαζειν υμασ τι το θελημα του θεου το αγαθον και ευαρεστον και τελειον.“

Pons sagt zu „sensus“: Empfindung, Gefühl, (Sinnes-)Eindruck, (Sinnes-)Wahrnehmung, Empfindungsvermögen, -kraft, Sinn, Sinnesorgan, Besinnung, Bewusstsein, Verstand, Denkvermögen, (gesunder) Menschenverstand, Vernunft, Verständnis, Urteil(sfähigkeit), Sachverstand, Geschmack, Meinung, Ansicht, Gedanke, geistiger Gehalt, Bedeutung, Sinn, Inhalt, Gedanke, Idee, Gefühl, seelische Empfindung, innere Regung, innere Anteilnahme, Gesinnung, Denkungsart, Sinnesart, Stimmung

Und bei Walter Bauer, (S. 1102) findet sich zu „νουσ“: Verstand, Fähigkeit zu denken, bezeichnet das sinnliche und geistige Wahrnehmungsvermögen, sittliches Urteilsvermögen, Erkenntnisvermögen, Vernunft, Sinn, Gesinnung im Sinne von sittlicher Haltung, Gedanke, Ratschluss, Meinung.

In meinem guten alten Langenscheidts Taschenwörterbuch Altgriechisch (1990) fand ich zu „νουσ“ und „νοοσ“: Sinn, Besinnung, Denkkraft, Verstand, Vernunft, Geist, Einsicht, Klughet, Gemüt, Herz, Gesinnung, Denkweise, Gedanke, Meinung, Wunsch, Absicht, Wille, Aufmerksamkeit.

Ich habe mich gefragt, ob ich Gott wirklich durchs Denken wahrnehme. Ob ich seinen Willen für mein Leben vorrangig durch Gedanken wahrnehme. Oder ob ich die Momente, in denen er zu mir sprich nicht vielmehr im Körper spüre und mein Verstand mir eher einen Streich spielt, weil ich dort viel leichter seine Worte verwechsle mit Satans Worten oder meinen eigenen Gedanken und Meinungen zu etwas, die vorwiegend durch meine Lebenserfahrung „programmiert“ sind und einfach automatisch auftauchen.

Wenn ich mir die Worte „sensus“ und „νοοσ“ und ihre Bedeutungen anschaue, dann finde ich dort lauter Worte, die mit einer ganz persönlichen und individuellen Art die Welt wahrzunehmen, Reize zu verarbeiten und seine Schlüsse daraus zu ziehen zu tun haben. Das ist es, was ich dort sehe. Die individuelle Begegnung mit Gott. Jeder mit dem Sinn, der für ihn und für Gott gerade passend ist.

Für mich ist klar, dass ich meine Gotteserfahrung vorwiegend über Körperwahrnehmungen mache. Über das Erschauern und Gänsehaut bekommen, wenn ich spüre, Gott ist gegenwärtig und schenkt mir einen heiligen Moment. Oder er schenkt mir, Zeugin eines seiner vielen Wunder zu sein. Begegnungen mit Gott lösen in mir ein tiefes Sehnen aus, einen Schmerz, den ich körperlich spüre, im Herzen. Insofern spricht mich die alte Lutherübersetzung deutlich mehr an als die für mich zu „verkopfte“ neue Übersetzung der ansonsten wunderbaren Basisbibel.

Natürlich kenne ich es auch, dass Gott über Gedanken oder eine innere Stimme zu mir spricht, in Worten. Er hat es in Gefahrenmomenten getan, um mich zu warnen: Gefahr. Du musst hier weg. Hörte ich und natürlich hatte er Recht. Das war sehr eindrücklich. Warnungen vor Lügen habe ich schon als Körpergefühl bekommen, als innerliches Zusammenziehen oder Anspannen, als Druck im Magen mit dem Gedanken dazu: Achtung, was jetzt kommt stimmt nicht.

Als Erinnerung, dass ich auf meinem eigenen Weg bleiben soll auch wenn andere mir „in Gottes Namen“ Botschaften überbringen, machte ich dann Bekanntschaft mit dem Prophet, der sich von einem anderen Propheten vom Weg abbringen lies, wahrscheinlich, weil es angenehmer war oder leichter, als den eigenen auferlegten Weg weiterzugehen. Es kostete ihn das Leben. Nachzulesen bei 1. Könige 13. Als ich die Geschichte las spürte ich im Bauch, dass Gott mir hier etwas Wichtiges sagt. Das ist bei weitem nicht immer so, wenn ich Bibel lese. Aber immer dann, wenn Gott gegenwärtig ist, lässt er es mich meist körperlich spüren.

Ich glaube, dass jeder von uns in der Lage ist, Gottes konkrete für ihn oder sie bestimmte ganz persönliche Gegenwart wahrzunehmen, die Momente, in denen Gott mit uns persönlich kommuniziert. Wie wir ihn wahrnehmen oder woran wir merken, dass wir es mit Gott in unserem Leben zu tun haben, ist in meiner Erfahrung häufiger ein Gefühl, eine Körperwahrnehmung als Worte, so wie wir andere Freundschaften und Beziehungen und deren Auswirkungen auf uns ja auch über Gefühle, sprich Körperreaktionen wahrnehmen. Aber sicher gilt das nicht für jeden und jede. Und natürlich kann Gott auch mit Worten zu uns sprechen und wir wissen, wenn wir uns trauen, dass er es ist und niemand anderes.

Wir haben also auch einen Gottessinn, könnte man sagen. Und Römer 12, 2 fordert uns dazu auf, diesen Gottessinn zu entwickeln, indem wir unser Spüren, Wahrnehmen, Fühlen, Denken einer Metamorphose (so das Wort im Griechischen Text), einer Verwandlung unterziehen, um dann Gottes Willen für unser Leben spüren zu können. Jeder auf seine Weise.

Spannend ist nun die Antwort auf die Frage: Woran oder wie spüren Sie Gottes ganz persönliche Gegenwart in Ihrem Leben und wie spricht er zu Ihnen, bzw. woher wissen Sie, dass Sie mit Gott gesprochen haben?