Impulse und Zitate (31)

Wer sich dagegen in Vorwürfe gegen seine Eltern verstrickt, bleibt unfrei und blockiert sich selbst. Dabei geht es nicht darum, wer was falsch oder richtig gemacht hat, sondern wie man mit dem, was passiert ist, lebt. Es liegt in der Macht des Einzelnen, das Geschehene zu interpretieren und dessen Folgen für das eigene Leben zu beeinflussen. Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben. (Boris Grundl, Die Diktuatur der Gutmenschen, S. 113)

2012_02Nebel_1_800(c) Stefanie Rösch, Nebel, 2012

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Kommentare

Impulse und Zitate (31) — 11 Kommentare

  1. Hallo Frau Rösch,

    Dieser Artikel hat mich verunsichert und traurig gemacht. Selbstverständlich habe ich die Verantwortung für meinen Heilungsprozess und Schuld kann auch eine „Ausrede“ sein an sich selbst zu arbeiten – ABER darf das bedeuten jede Schuld anderer, die mich verletzt haben, meine Kindheit durch Gewalt genommen haben, ist nur ein Problem in meinem Kopf? Niemand außer mir trägt Verantwortung? Das finde ich zynisch und verletzend. Ich habe bis heute (ich bin 46) nur wenig Hilfe zulassen können weil ich innerlich immer noch auf die Äußerungen meiner Mutter höre „du bist labil und hast keine Hilfe verdient“. Glückwunsch, dann habe ich wohl alles richtig gemacht.

    • Liebe Katrin,
      ich glaube, es gibt einfach zwei Anteile von Verantwortung. (1) Die Verantwortung für die Beschwerden und deren Bewältigung und (2) die Verantwortung = Schuld für die Verursachung der Beschwerden. Die Schuld trägt allein der Täter, weil er entschieden hat, Gewalt auszuüben und Ihnen sein Verhalten aufzuzwingen. Er ist schuld. Aber nur Sie können ändern wie es Ihnen geht. Das ist allein Ihre Verantwortung (nicht Ihre Schuld!!!!). Da kann der Täter erstmal nichts dran ändern, außer seine Gewalthandlungen würden ihm aufrichtig leid tun. Oder? Wenn Sie nicht schlafen können, kann der Täter daran nichts ändern. An Ihren Erinnerungen kann der Täter nichts ändern. Das können nur Sie. Trotzdem trägt er für die Tat die volle Schuld und auf keinen Fall Sie als Opfer.
      Die Aussage Ihrer Mutter ist eine perfide LÜGE!!! Auch ohne Sie zu kennen, gehe ich davon aus, dass Sie nicht labil sind, sondern einfach Traumasymptome hatten. Was Ihre Mutter in meinen Augen mit dieser Lüge versucht hat ist, sich selbst aus der Verantwortung als Mutter zu nehmen, Sie als Kind zu beschützen. Meine Vermutung wäre, dass Ihre Mutter Ihnen deswegen die Schuld an den Symptomen gegeben hat. Aber das ist eine Lüge. Sie sind NICHT Schuld, dass Sie die Symptome bekommen haben. Daran ist der Täter Schuld. Aber Sie allein sind dafür verantwortlich, etwas gegen die Symptome zu unternehmen und sich wieder gesund zu machen, mit der entsprechenden Hilfe, die es dann auch braucht und die JEDER Mensch verdient hat, weil jeder liebenswert und wertvoll und einzigartig ist.
      Ich habe Herrn Grundl so verstanden, dass wir ewig vom Täter abhängig bleiben, wenn wir zurückschauen. Anstatt zu sagen: Der Täter/die Eltern sind Schuld, dass ich die Beschwerden/Symptome habe, ABER jetzt schaue ich, was ich dagegen tun kann. Inwieweit es Ihnen gut geht, hat nur damit zu tun, ob Sie diesen Schritt schaffen. Und so wie ich Sie verstehe, haben Sie diesen Schritt getan und sind auf einem guten Weg. 🙂 Das wünsche ich Ihnen jedenfalls von Herzen.
      Ihre Stefanie Rösch

      • Vielen Dank, das hat es deutlicher gemacht. Es fühlt sich nur oft nicht so an, dass ich selbst viel ändern kann. Diese lange Zeit liegt wie eine Dunkelheit über mir. Obwohl, jetzt beim Schreiben denke ich wieder daran wie oft ich es sagte, dass mein verzweifelter Kampf gegen die Unfreiheit (so empfinde ich meine Angst) ohne Erfolg ist, tatsächlich ich die Erfolge aber einfach nicht zur Kenntnis nehme. Andere dagegen sehen sie und es erleichtert dann mit der Nase darauf gestossen zu werden. Ich habe gelernt in vielen Situationen NEIN zu sagen, wenn jemand mich unter Druck setzt, anstatt heftig aggressiv zu werden (was für den anderen unverständlich ist). Ich halte mir in Stress Situationen immer vor Augen „Was reagiert jetzt, du auf das jetzt oder die Trauma Erinnerungskristalle, die die Vergangenheit zeigen?“ Ich möchte im hier und jetzt leben.

        Die größte Schwierigkeit dabei ist immer noch die eingebrannte Körpererinnerung, es fällt mir unsäglich schwer zu entspannen. Nachts im Schlaf verkrampfen sich so sehr die Hände, das ich schon Sehnenentzündungen bekomme. Lärm löst Übelkeit und Schwindel aus.

        Gegen diesen Teil der Symptomatik habe ich bisher keine Lösung gefunden. Es ist, als ob diese Reaktionen direkt fest im Körper verdrahtet sind. Ihr Blog hat mir schon viele Anregungen und Einsichten gegeben, dafür meinen herzlichen Dank.

        Viele Grüße
        Katrin

        • Liebe Katrin,
          da sprechen Sie etwas sehr Wichtiges an: Es braucht Training und den Trainingserfolg kann man von einem Tag auf den anderen nicht sehen, sondern nur in der Rückschau und in der Distanz. Ich bringe meinen Klienten bei, immer mal wieder weiter als gestern zurückzuschauen, sagen wir ein Jahr oder zwei Jahre oder ein paar Monate. Je nachdem was es braucht, um die Veränderungen und die wachsende Freiheit immer wieder sehen zu können, damit wir uns selbst daran erinnern können, was wir schon alles geschafft haben. Denn das, was wir geschafft haben, beweist, dass wir es schaffen können dorthin zu kommen, wohin wir wollen. Es braucht Mut, Durchhaltevermögen und jemanden, der einen immer wieder anfeuert, wenn man selbst mal den Mut verliert auf dem Weg.
          Ich sehe Traumareaktionen als Fehlalarme des Limbischen Systems. Das heißt, die Wut, die Sie schildern, wenn es eine Traumareaktion ist, wird durch einen Fehlalarm ausgelöst (getriggert). Das Limbische System „denkt“: „Achtung, das hier, z.B. das Geschrei, ist genauso wie damals (in der Erinnerung), also pass auf, gleich passiert wieder was“ und dann versetzt es uns in Alarmbereitschaft (Stressreaktion, Anspannung; Handlungsbereitschaft).
          Logischerweise sage ich meinem Hirn/Limbischen System dann: Hey, Kumpel, beruhig Dich. Ist alles okay jetzt. Das ist „nur“ das Kindergeschrei vom Kindergarten. Das ist nicht meine Mutter/Vater (oder wer sonst geschrien hat, bevor noch mehr Gewalt geschah). Ich bin jetzt sicher. Es ist 2016. Ich bin in meiner Wohnung und ich bin sicher. Es ist alles vorbei. Ich bin sicher.“ So in der Art. Das übe ich dann mit meinen Klienten gut ein und dann geht es von Fehlalarm zu Fehlalarm besser.
          Was den Schlaf angeht, da überlegen wir immer gemeinsam, was es braucht, um sich im eigenen Bett oder in der eigenen Wohnung sicher zu fühlen. Meine Erfahrung ist, dass wenn man lernt, etwas für seinen Sicherheit zu tun, dass dann auch langsam und Schrittweise der Schlaf wieder besser wird.
          Soweit mal meine Gedanken dazu. Viel Erfolg Ihre Stefanie Rösch

  2. Liebe Frau Rösch,
    bei dem Zitat gehe ich bis zum letzten Satz mit, kann es annehmen.
    Nur dass es nie zu spät ist, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben, das stößt auf.
    Ich kann meine Kindheit nicht nachträglich ändern. Und dass es Missbrauch und Vernachlässigung in meiner Kindheit und Jugend gab, kann ich nicht negieren – was ich ja jahrzehnte lang, um weiterzuleben, gemacht habe.
    Mir kommt dieser Satz so vor, als ob ich nicht ehrlich zu mir selber bin. Und grad die Therapie ist der Weg zur Ehrlichkeit, zum nicht mehr negieren…

    • Liebe Gabi,
      das kann ich gut nachvollziehen, dass dieser letzte Satz eine echte Herausforderung ist. Ich kann nur aus meiner Erfahrung sprechen. Zu Beginn einer Therapie sieht man nur die Not und den Mangel und die Gewalt und die Vernachlässigung und alles, was man nicht bekommen hat und doch so sehr gebraucht hätte.
      Das macht zum großen Teil unser Hirn (Limbisches System), um uns zu schützen. Es produziert einen Fehlalarm nach dem anderen (Traumareaktionen) und macht Verallgemeinerungen, die für uns als Erwachsene Menschen nicht mehr stimmen.
      Wir können nicht ändern, was geschehen ist, aber bisher ist mir noch niemand begegnet, dessen Kindheit 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr aus Gewalt bestanden. Bisher gab es immer auch andere Momente. Momente des Spiels. Der Fürsorge durch eine Dritte Person. Eine freundliche Lehrerin oder ein netter Nachbar. Spielkameraden. Kuscheln mit einem Haustier. Spaghetti mit Tomatensoße.
      Wir sind so mit den Fehlalarmen und damit mit Überleben beschäftigt, dass diese anderen Dinge in den Hintergrund treten und manchmal sogar in Vergessenheit. Aber sie sind da und sie warten darauf, beachtet und wieder hervorgekramt zu werden. Sie verstecken sich gerne und es ist manchmal mühsam die zitternden, fröhlichen Erinnerungen aus dem Staub unter dem Bett hervorzulocken, um ihnen erneut und in einer anderen Umgebung zu begegnen und sie zu pflegen und zu ermutigen, dass sie erwünscht sind und dass jetzt auch Zeit für sie ist. Diese guten Erinnerungen sind einfach sehr schreckhaft und deswegen manchmal auch schwer zu locken. Aber es geht, denn sie sind da. Zumindest ist mir bisher niemand begegnet, der gar keine hatte oder sich an absolut nichts Schönes oder Gutes erinnern konnte.
      Das ist es, wie ich Herrn Grundl verstehe: Ich habe Einfluss darauf, welche Erinnerungen ich pflege und welche nicht. Ich entscheide, mit welchen Erinnerungen ich mich bewusst beschäftige (positive) und welche ich in einer Therapie abarbeite (Fehlalarme/belastende Erinnerungen). Wenn ich die guten Erinnerungen bewusst pflege, fühlt es sich auch gut an. Irgendwann. Nach einer Weile Erinnerungsaufpäppeln.
      Herzliche Grüße, Stefanie Rösch

      • Danke, liebe Frau Rösch,
        es ist an der „Tagesordnung“ zu allererst das Dunkle zu sehen und das Positive zu übersehen..
        Welche Tageszeitung kommt ohne Negativmeldungen, die gleich auf der Titelseite stehen, aus?

        Es ist ganz wichtig auch dass positive, die Freude im Leben zu sehen und damit sich selber mehr positives zu geben und der Depression das Futter zu entziehen.
        Ist nur in depressiven Phasen micht so leicht.

        • Stimmt. Ich finde das auch nicht immer leicht. Aber ich übe und trainiere es einfach weiter. Je mehr Training, desto leichter wird es. So meine Erfahrung.

          • Eine Hilfe für mich ist es, regelmäßig und konsequent ein Glücks- oder Freudetagebuch zu führen.

  3. Mir fällt auf, das ich das nur-positives-sehen jahrzehntelang gemacht habe. Jetzt in der therapeutischen Aufarbeitung, ist es extrem schwer, die Verletzungen hervorzukramen und auch real zu bewerten und umfassend als Missbrauch zu bewerten – nicht wie bisher als „normal“. Und auch nicht alles von den schönen Zeiten zu überdecken.
    Da kommt jetzt das Gefühl, ich wäre ein „Schwarzseher“, bin undankbar. Ich ziehe mich an den (wenigen) schlechten Begebenheiten hoch.
    Weil mein Leben aus beidem -Schönem und Schlechtem- besteht und bestand.
    Nur hat mein Unterbewusstsein jahrzehntelang nur das Positive gesehen und das Traumatische verdrängt.
    Ja, es ist schwer und es ist wichtig differeziert das Leben zu betrachten.

  4. Der Spruch gefällt mir, auch wenn er vielleicht ein wenig irritiert.
    Ich hatte wie die meisten hier keine glückliche Kindheit und bemühe mich auch nicht darum, in dem großen Misthaufen nach einem Edelstein zu suchen. Und doch – oder vielleicht auch gerade deshalb – habe ich ihn gefunden. Ich habe MICH gefunden. Und ich kann nun sagen: der Heilungsweg über die vielen Schrecken und schlimmen Dinge hat das aus mir gemacht, was ich bin: ein liebenswerter Mensch. Mit Macken, ja, klar. Wie die meisten. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar.